Freitag, 17. Oktober 2008

Wie ich Herrnfrau G. glücklich machte

Unlängst habe ich beim Herumlungern in einer Buchhandlung eine faszinierende neue Bekanntschaft gemacht. Während ich neugierig die Novitäten aus den Bereichen Erotik, Selbsthilfe und Kleintierzucht beäugte, fiel mir unvermittelt eine Person auf, die ziellos zwischen den Regalen, Tischen und Bastian-Sick-Aufstellern umherirrte. Sie war von mittlerer Größe, im besten Alter und besaß keine besonderen Kennzeichen – nicht einmal ein lippenzierendes Muttermal oder einen propagandaministergeeigneten Klumpfuß. Einzig ihr merkwürdiges Gebaren machte sie bemerkenswert – der verschämte, schlurfende Gang; der fahrige Blick, der zwischen den Druckerzeugnissen und den Menschen, die sie feilboten, hin und her wanderte; der Rücken gebeugt von einer unsichtbaren, aber gewiss tonnenschweren Last…
Als Superheld begriff ich sofort: „Hier ist Zivilcourage gefragt!“
Ich eilte bürgerpflichtbewusst an die Seite der jämmerlichen Gestalt und bot ungefragt meine Hilfe an. Selbst diese Annäherung brachte keine weiterführenden Erkenntnisse, welchem Geschlecht dieser fleischgewordene Ruf nach Orientierung, Stütze und Mitgefühl zuzurechnen war. Judith Butler jedenfalls hätte ihre wahre Freude daran gehabt, doch ich will mich vor Abschweifungen hüten.
Herrfrau G. stand vor einem interessanten Problem: Es zweifelte an seiner Integrität und – falls ich sein von einem Hauch von französischem Akzent umflortes Gemurmel zutreffend gedeutet haben sollte – gar an seiner Existenz. Es verfiel in eine weinerliche Beschwörung einer fernen Vergangenheit, in der es derlei beunruhigende Gedanken noch nicht umgetrieben hatten. Damals, so Herrfrau G., habe man noch Respekt vor seiner äußeren Erscheinung gehabt und zahllose Bewunderer und Bewunderinnen hätten es so angenommen, wie es war. Heute, klagte Herrfrau G., gäbe es zu viele Schmutzfinken ohne Anstand und Moral, die des nächtens in sein behagliches Heim eindringen, um ihm lustige Hüte aufzusetzen, einen falschen Bart anzukleben oder seine Hand in eine Tupperschüssel mit warmem Wasser zu tauchen, damit er vom eigenen Harn besudelt erwachte.
Obwohl Herrfrau G. einen ranzigen Geruch verströmte und ich mich in der S-Bahn wahrscheinlich nicht aus freien Stücken neben es gesetzt hätte, legte ich den Arm um seine spitzen Schultern und führte es dorthin, wo es meiner bescheidenen Meinung am glücklichsten werden würde: zum Heftchenromanständer vor dem Kiosk um die Ecke. Dort, wo der Arztroman noch Arztroman sein darf, wo allein durch die jeweilige Berufs-, Standes- oder Tätigkeitsbezeichnung der Protagonisten scharf umrissen wird, was einen erwartet (sei es nun „G-Man“ oder „Geisterjäger“) und wo Überraschungen, die sich aus der Dreistigkeit der Jugend ergeben, allerlei zusammenzuwerfen, was nicht zusammengeworfen gehört, Herrnfrau G. nicht in Angst und Schrecken versetzen können.
Ich habe vorhin eigens noch einmal nachgesehen, wie sich Herrfrau G. in seinem neuen Daheim eingerichtet hat. Zu Fuß des Ständers auf einem Heizkissen aus alten Heilsarmeebeständen fand ich ihn trägekatzenfriedlich schnurrend vor, und ich gab mich ganz dem wohligen Gefühl hin, wieder einmal die Welt gerettet zu haben (was einzig mit der Freude zu vergleichen ist, die erste eierlegende Wollmilchsau aus eigener Zucht auf einer Landwirtschaftsmesse präsentieren zu dürfen).

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