Dienstag, 7. Oktober 2008

Wider die Befindlichkeitsprosa

Vorvergangenes Wochenende wurde ich aus meinem Anwesen verschleppt und ins Hessische entführt – eine traumatische Erfahrung mit glücklicher Wendung. In Oberursel durfte ich einer jungen, ausgesprochen talentierten Frau begegnen, die mir meinen Glauben an das literarische Schaffen in Deutschland zurückgegeben hat.
Lisa-Marie Dickreiter (sämtliche schalen Scherze über ihren Namen sind gemacht und werden binnen Jahresfrist als Sammelband veröffentlicht) zeichnet sich durch eine faszinierende Eigenschaft aus, die einigen ihrer Altersgenossen abhanden gekommen zu sein scheint: Mut zum Plot. Anstatt sich seitenweise darüber auszulassen, wie man (im Sinne eines austauschbaren Hip-Protagonisten ohne ersichtliche Alleinstellungsmerkmale) sich gerade so fühlt, exerziert sie in ihrem noch in der Entstehung begriffenen Erstling, Vom Atmen unter Wasser, durch, was mit einer Familie passiert, deren jüngstes Mitglied einem Gewaltverbrechen zum Opfer fällt. Hurra, eine Idee, aus der sich eine Handlung entspinnen lässt!
Und um gleich noch zu zeigen, wie es nicht geht, ein wenig Dingdichtung:

Ich bin eine Maus. Keine von der felligen Sorte, die sich Walt Disney zum Vorbild für eine seiner frühen Figuren nahm und damit eine gesamte Spezies einer kühlen Kommerzialisierung aussetzte. Ich bin aus Plastik. Keine Mäusemutter hat mich mitsamt meiner Wurfgeschwister aus ihrer winzigen Vagina gepresst. Ich bin ein Industrieprodukt. Maschinen haben mich gemacht.
Meine Form täuscht Körpernähe vor. Leg deine Hand auf mich. Spürst du es? Spürst du, wie ich mich an die Falten schmiege, von denen manche behaupten, man könne dein Leben, deine Zukunft, dein Schicksal darin lesen? Ich bin eine wortlose Lüge.
Und gierig. Ich lecke den Schmutz von deiner Haut und sammle ihn in den Ritzen und Spalten, die mir ein ergonomieversessener Designer gelassen hat. Ich weiß, wo du gewesen bist. Ich weiß, dass du dir nach dem Pinkeln nicht die Hände wäschst. Ich weiß, was du dir ansiehst, wenn du denkst, du wärst unbeobachtet und könntest jede Seite öffnen, die für deinen Webbrowser optimiert ist. Die mit den Frauen und den Pferden. Die mit den Rezensionen aus der Feder eines Neocons. Die mit den Namen deiner alten Klassenkameraden.
Dreh mich um. Schau mir in mein rotes Auge, bis ich meinen Namen in deine Netzhaut gebrannt habe.

Und so weiter und so fort.
Es lebe die Handlung!

Moops-P.S. Vor Walter Moers sei an dieser Stelle explizit der Hut gezogen!

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