Donnerstag, 25. September 2008

Retrospektive: Teil 2 - Im Herz der Finsternis

Die letzte Zigarette ist geraucht, der letzte Schluck grüne Tee getrunken, und nun fällt die Anspannung von mir ab wie der Schorf von einem vor vier Wochen aufgeschürften Knie. Der Grund für die nervliche Belastungsprobe, die hinter mir liegt? Das weite Öffnen meiner intimsten Bereiche für die neugierigen Blicke der gehobenen Boulevardpresse. Anders gesagt: Hier kommt der versprochene Rundgang durch mein neues Domizil.

Wo man herkommt
Wie den Eingeweihten bereits bekannt, gelang uns im letzten Jahr die Flucht aus dem wenig beschaulichen Bergedorf-West (BW) nach Bergedorf-Mitte (BM). BW zeichnet sich durch eine bezaubernde Mischung aus urbaner Tristesse, unterschwelliger Gewalt und waschbetongewordener Hoffnungslosigkeit aus. Beispiele gefällig? Nicht nur wurden wir dort Zeugen eines unauffälligen Polizeieinsatzes zwei Etagen unter uns (bei dem mittels eines handlichen Rammbocks die fragliche Wohnungstür sanft aufgetan wurde). Wir durften auch miterleben, wie ein risikogestählter Jungunternehmer mit einer ausgeprägten Investitionsfreude in Sachen Betäubungsmittel vom einen auf den anderen Tag aus dem Erdgeschoss verschwand und das Mobiliar seiner Butze kleingehauen und aus dem Fenster in einen Müllcontainer wanderte. Wir werden dich vermissen, BW…

Wo man ist
Unsere neue Unterbringung in BM kann auf eine ruhmreichere Historie zurückblicken. Vorsicht! Melodramatikalarm! Diese Mauern atmen deutsche Geschichte. Ursprünglich zu den Glanzzeiten der Arbeiterbewegung errichtet, um einer linken Zeitung ein Dach über dem Kopf zu geben, wurde es von den Nazis beschlagnahmt. Als das angekündigte Tausendjährige Reich sich glücklicherweise nach bereits zwölf Jahren als Auslaufmodell entpuppte, fiel das Haus an eine Erbengemeinschaft und steht heute ganz im Zeichen der Sozialdemokratie (das örtliche Parteibüro befindet sich quasi zu unseren Füßen).

Zu den Räumlichkeiten, die wir bewohnen
Fangen wir mit dem Wichtigsten an: den sanitären Einrichtungen. Dusche und WC sind vorhanden. Eine Badewanne wird indes schmerzlich vermisst (sie ist weiß, recht groß und mit geheimnisvollen Sprudelapparaturen versehen – wer sie gesehen hat, möge sich bitte bei uns melden).
Um die Küche kümmert sich mein Gesinde, und ich habe sie noch nie betreten. Unbestätigten Gerüchten zufolge ist sie zu klein, um die von mir geforderten Zwölf-Gänge-Menüs zuzubereiten (es ist heute unglaublich schwer geworden, gutes Personal zu finden; als wir noch unser Gut in Schlesien hatten, war das irgendwie unkomplizierter…).
Für das Schlafgemach sind wir derzeit noch auf der Suche nach authentischen Traumfängern, die von blinden, an einem Dienstag im April geborenen Navajo-Schamanen in einer bewölkten Vollmondnacht mundgeflochten wurden, um die überall lauernden bösen Geister abzuwehren. Die muss es hier geben, weil uns in schöner Regelmäßigkeit das Bett unter den schlafenden Hintern zusammenkracht.
Ansonsten haben wir uns eine Art Spielzimmer eingerichtet, das dank des ausgewählten Mobiliars an einen Gruppentherapieraum erinnert – so soll es sein! Zudem finden sich dort an einer Wand Reste der alten Bemalung aus einer Zeit, als Tapeten noch nicht selbstverständlich waren. Da müsste mal bei Gelegenheit ein Bilderrahmen rum.
Das Wohnzimmer hingegen ist neo-nerdig funktional gestaltet und wartet mit eigenem Kühlschrank sowie einer schmucken Kaffeemaschine auf.
Alles in allem bin ich mit der derzeitigen räumlichen Konstellation hochzufrieden, befürchte allerdings, dass die nette Frau nebenan bald ausziehen muss, um Platz für die geplante Mediothek, den Löwenkäfig, den Schrein für verkannte Autoren, die eigene S-Bahn-Station und das Gestüt zu schaffen.

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