Dienstag, 21. Oktober 2008

Das geschmähte Medium

Es ist derzeit sehr in Mode gekommen, Kritik an der Qualität des Fernsehprogramms zu üben. Dies steht dank unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zunächst jedem Bürger frei, und auch der Umstand, dass viele sich berufen fühlen, etwas zur laufenden Diskussion beizutragen, ohne den Gegenstand selbiger näher zu kennen, ist vom Überraschungspotenzial her eher ein winziger Mückenfurz als ein in liebevoller Kleinarbeit gebastelter Sprengsatz aus zwei Dutzend großkalibrigen Chinaböllern.
Es nervt dennoch. Es nervt sogar gehörig.
Denn immerhin gibt es keine Männer mit kantigen Kiefern und kräftigen Pranken, die in deutsche Wohnzimmer eindringen und einen mit vorgehaltener Waffe zwingen, den Fernseher einzuschalten (auch das ein Pluspunkt der bereits erwähnten freiheitlich-demokratischen Grundordnung). „Halt, Halt!“, wirft nun so mancher vielleicht ein. „Ich zahle doch GEZ-Gebühren. Da kann man wohl wenigstens von den Öffentlich-Rechtlichen Qualität verlangen.“ Kann man womöglich, aber das Leben ist weder Ponyhof noch Wunschkonzert. Abgesehen davon, dass – man höre und staune – nicht einmal der Besitz eines TV- oder Radiogeräts von staatlicher Seite gesetzlich vorgeschrieben ist und man insofern die GEZ-Gebühren in letzter Konsequenz freiwillig zahlt (3:0 für die FDG [freiheitlich-demokratische Grundordnung]!).
Gut, nun ist der Prozentsatz begeisterter Ludditen, die am liebsten in einer Waldhütte ohne Strom und fließend Wasser leben würden, innerhalb der deutschen Bevölkerung beschreienswert gering; wäre er höher, wäre auch mehr Platz in der S-Bahn oder im Bus oder überhaupt auf der Straße…
Wie also umgehen mit diesem Dilemma?
Ich empfehle Heiterkeit bei der Beziehungsführung mit dem Medium Fernsehen. So in die Richtung: „Betrachten wir die ganze Chose als großangelegtes dadaistisches Experiment!“ Belege, dass wir es mit einem solchen zu tun haben, gibt es zuhauf, um nicht zu sagen: zu hundehauf. Denn erst unlängst wurde ich Zeuge, wie Florian Silbereisen in einer seiner auf das ältere Zuschauersegment angepassten Sendungen zwei pelzige Vierbeiner vermählte. Das macht Hoffnung: Wenn man bedenkt, dass es die Altvorderen akzeptieren, wie Köter sich das Ja-Wort geben (bzw. es ihnen von einem subversiven Moderator gegeben wird), spricht vieles dafür, dass man ihnen in zwei, drei Jahren präsentieren kann, wie ein Mann seinen Hund heiratet oder umgekehrt. Frauen und Katzen, die einander in zärtlicher romantischer Liebe verbunden sind, müssen sich wahrscheinlich noch ein wenig länger gedulden, weil Sätze wie „Ich liebe meine Muschi, obwohl ich sie jeden Abend bürsten muss“ sich in Romanen von Charlotte Roche besser lesen, anstatt sie als Aufmacher für eine rührselige Homestory in der Gala zu verwenden.
Wem die Sache mit dem dadaistischen Experiment zu verkopft ist und diesen Ansatz von sich wirft wie einen nichtangenommenen Preis, dem kann selbstverständlich auch geholfen werden. Fernsehen – und hier hauptsächlich der schwarze Schimmel, der zum neuen Schlachtross der Sender ausgerufen wurde: Reality-TV – befriedigt auf vorzüglichste Weise unsere verruchtesten voyeuristischen Neigungen: Allerorten schieben sich mehr oder minder formschöne Kostbarkeiten in weit gespreizte Lippen (Das perfekte Dinner), lassen sich blutjunge Mädchen aus Osteuropa von älteren, gutsituierten Herren in grellem Scheinwerferlicht erniedrigen (DSDS) oder Damen mit gouvernantenstrengem Blick unternehmen den Versuch, eine außer Rand und Band geratene Rasselbande auf die stille Treppe zu schicken (nein, nicht Die Super-Nanny; die Rede ist von Anne Will).
Fernsehen leistet also etwas, was sonst nur große Kunst vermag: Es rüttelt auf, ist Spiegel und Schlüsselloch zugleich und legt den Finger lustvoll selbst noch in die schwärendste Wunde. Nun müssen wir nur noch alle lernen, das Schöne im Schrecklichen zu sehen.

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