Dienstag, 30. September 2008

Retrospektive: Teil 4 - Von Karten und Soldaten

Ehernes Genregesetz 16: Kein ordentlicher Fantasyroman ohne Karte!
Und da es sich bei uns um gesetzestreue Volldemokraten und Vorzeigebürger handelt, stand von Anfang an fest, dass Die Zerrissenen Reiche nicht ohne Karte lesend zu bereisen sein würden.
Allerdings standen wir bei diesem kühnen Unterfangen vor einem Problem: Ich scheitere regelmäßig bereits an Anfahrtsskizzen zur nächsten Tankstelle, und Ole mag viele Talente besitzen, aber saubere Kartographie zählt bedauerlicherweise nicht zu seinem umfangreichen Fertigkeitsschatz. Zum Glück gibt es jedoch Menschen, die bei der Genlotterie das große Los gezogen haben und in der Lage sind, Zeichnungen diverser Art anzufertigen, die auch ohne erhebliche Mühen erkennen lassen, was das Dargestellte dem geneigten Betrachter vermitteln soll. Einer dieser Menschen ist Tobias Mannewitz, der in Amsterdam und Berlin lebt und arbeitet (ja, er verdient richtiges, echtes, fälschungssicheres Geld mit seiner zarten Fingerchen Flinkheit…).
Da wir uns bekanntlich vorgenommen hatten, unsere Welt ausgehend von der zwergischen Kultur zu beschreiben, die mitten in der Industriellen Revolution steckt, fielen zwei altgediente Kartenvarianten von vornherein flach:
- Die Barbarenweltsicht (Medium: Holzkohle auf notdürftig von Fleischresten freigeschabter Tierhaut).
- Das „Hier gibt es Drachen“-Quasi/Pseudo-Mittelalter-Panorama (Medium: Fingerfarben auf Sandsteinwand).
Wir haben uns gemeinsam mit Tobi für etwas entschieden, das krass nach Kupferstich (einem entfernten Verwandten des Eierstichs) auszusehen hatte und bei dem Längen- und Breitengrade grob als solche erkennbar sein sollten. Herr Mannewitz lieferte bereits mit der ersten Vorabversion gleich noch eine charmant-zündende Idee mit: die Polprojektion. Wie es sich für das fortschrittlichste Volk eines Planeten gehört, betrachteten die Zwerge die haarumkranzte Vertiefung in ihrer voluminösen Leibesmitte konsequent als den Nabel der gesamten bekannten Welt. Und so kamen wir neben einer klassischen Karte zu einem mentalitätstransportierenden Schmankerl, das kreisrund ist und vor sympathischer Selbstüberschätzung strotzt.
Über Tobias Mannewitz gelang es uns, in Kontakt mit einem weiteren kunstverständnisgesegneten Illustrator mit dem klangvollen Namen Henrik Bolle zu treten. Die schönste Karte im Buch nutzt nämlich nun einmal nicht das Geringste, wenn das Werk selbst ohne Cover bleibt. Die wichtigste Frage, die sich uns bei der Covergestaltung stellte, lautete: Nehmen wir Rücksicht auf diejenigen Menschen dort draußen, die sich schämen, wenn sie bei der S-Bahn-Fahrt anhand der äußeren Erscheinung ihrer Lektüre umgehend als Freunde der mehr oder weniger gepflegten Fantasy geoutet werden?
Selbstverständlich nicht. Eine Verschleierung des Inhalts mittels einer zarten Bildsprache wäre:
1. Heuchelei gewesen und hätte 2. den peinlichen Moment der Enthüllung nur hinausgezögert. („Was liest du denn da eigentlich? Ist das ein historischer Roman? Das Cover finde ich total ansprechend. So geschmackvoll-reduziert.“ – „Äh, nein. Das ist so ein Fantasybuch, das mir jemand geschenkt hat. Ich würde mir so was nie selbst kaufen, aber wo ich es schon einmal habe, dachte ich mir, ich könnte mal reinlesen…“ – „Fantasy? Du perverser Freak!“).
Folglich prangt nun ein zwergischer Soldat mit sauber gestutztem Bärtchen und schmuckem Armeegewehr auf dem Cover, hübsch vor einem kühlen Bergidyll in Szene gesetzt. Aus seinem Gesicht spricht die kühne Entschlossenheit des unlängst mit nationalistischem Gedankengut Verführten, die einige für sexy, andere wiederum für einfältig halten. Kein Zweifel, dass unser Rotbart seinen heimatlichen Bund bis zur letzten Patrone verteidigen würde – selbst in einem Angriffskrieg, der bekanntlich nur die Fortsetzung von friedenssichernder Politik mit angeblich angemessenen Mitteln darstellt…

Moops-P.S.: Das Cover findet man übrigens in der Retrospektive 1.
Moops-P.P.S.: Tobi findet man hier; Henrik wiederum hier - und beide auf einmal hier.

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