Sonntag, 28. September 2008

Retrospektive: Teil 3 - Titel, Thesen, Exkremente oder: Die nächste Prüfung ist immer die schwerste

Ende letzten Jahres begab es sich, dass ein Umstand eintrat, mit dem selbst die hoffnungsfrohsten Optimisten in unserem Umfeld beinahe nicht mehr gerechnet hatten: Ole und ich legten unsere Abschlussprüfungen ab und dürfen uns seitdem Magister schimpfen. Schön.
Oder auch nicht. Mit dem Erwerb des Titels stellt sich nämlich keine beruhigende Völle, sondern eher eine beunruhigende Leere ein. Das ist sie nun also gewesen – die mystisch verklärte Zeit, in der man Sagen und Legenden nach freier, abenteuerlustiger und besoffener ist als jemals zuvor oder danach in seinem Leben.
Was macht man also, um der Leere Herr zu werden? Genau, man geht in die Lehre. Dies dient beileibe nicht als Notnagel, mit dem man seine jämmerliche Existenz auf hinlänglich bekanntem Terrain fixiert, um nicht von den Stürmen des heraufziehenden Berufslebens hinweggefegt zu wurden. Nein, es geht darum, andere für etwas zu begeistern, was einen selbst begeistert. Darum, für karmische Gerechtigkeit zu sorgen, indem man nach dem ganzen unreflektierten Nehmen zu einem zumindest halbdurchdachten Geben kommt. Und es ist ausgesprochen befriedigend und sinnstiftend, andere nun so zu quälen wie man selbst gequält wurde – im Dienste einer guten Sache, versteht sich. In diesem Fall ist das die Mehrung von Wissen und Erkenntnis im Bereich amerikanischer Populärkultur und deren Umgang mit der jüngeren Zeitgeschichte. Das ist auch dringend nötig.
Amerikanische Populärkultur wurde unlängst von einem unserer Bekannten durch die Blume als Tautologie im Stile eines weißen Schimmels bezeichnet, weil die Amerikaner bekanntlich keine andere Kultur hätten als die populäre. Der Humus, aus dem dieser Keimling der fundamentalen Gesellschaftsbewertung sein zartes Häuptlein zu emporzubohren hatte, war die argumentative Absicherung, es gäbe die Amerikaner nun mal erst zweihundert Jahre. Hui, gut zu wissen, dass die Amis exakt so, wie sie damals waren und wie sie heute sind, aus irgendeinem nicht näher bestimmten Ei geschlüpft sind. Die britischen Siedler, die neben den zahlreichen indigenen Völkern die Neue Welt bevölkerten, haben diese Gestrandeten des Universums wahrscheinlich schlicht zu Burgern verarbeitet und aufgefressen – selbstredend ohne Serviette auf dem Schoß.
Sei’s drum. Vorurteile ersetzen praktischerweise gründliches Nachdenken. Apropos Vorurteile: In den Geisteswissenschaften werden Kuschelnoten verteilt, so heißt es. Ich empfehle zur Überprüfung dieser These die Teilnahme an einer Magisterklausur am Institut für Amerikanistik und Anglistik, solange diese Abschlussart noch existiert und nicht vom um sich greifenden Bachelor aus ihrem angestammten Biotop verdrängt wurde. Eine solche Klausur ist lustig, denn sie funktioniert nach dem Prinzip einer Lostrommel: Man schreibe zu einem Text, den man sein Lebtag noch nicht gesehen, möglichst kluge, geistreiche Sätze. Und jetzt das wahrhaft Empörende: grammatikalisch korrekt, orthographisch lupenrein und stilistisch orgasmenfördernd sollten diese Sätze bitte auch noch sein. Der Elfenbeinturm mag von außen hübsch anzusehen sein, aber drinnen trifft man neben netten, gebildeten Menschen, mit denen zu plaudern es eine echte Lust ist, auch auf Fallgruben mit angespitzten Pflöcken, tote Gänge ins Nirgendwo und allerlei anderes, was einem die gute Laune vermiesen kann. Selbige bewahrt man, indem man sich vorwiegend in den sonnendurchfluteten Innenhöfen aufhält und die Schilder mit den Warnhinweisen in altgriechischen Provinzdialekten beachtet.
Ein weiser Mann hat uns darauf hingewiesen, dass dies die letzten Prüfungen waren, denen wir uns wahrscheinlich auf Zwang unterziehen mussten. Wenn wir jetzt noch mehr Prüfungen ablegen wollten, wäre das a) freiwillig und b) Ausdruck einer masochistischen Grundhaltung. Moment …
ich hab’s gleich …
muss mir eben nur noch rasch eine Sicherheitsnadel in den Nippel fummeln …
geschafft!
Die Bühne der Welt muss nur noch für die nächsten Abjekte unserer kranken Hirne bereitet werden, doch die Vorbereitungen werden höchstens einige Jahre in Anspruch nehmen. Solange schlüpfen wir in unsere Promovierendenkostüme und machen die heiligen Hallen der Wissenschaft ein bisschen länger unsicher… Erzittere, Universität Hamburg, erzittere!
Mein Leitstern B hat sich in reizend-weiblicher Verspieltheit noch nicht restlos von einem ähnlichen Vorhaben überzeugen lassen, was ihren ureigenen Lebensweg angeht. Sie steckt lieber das zierliche Näschen dorthin, wo der raue Wind der Marktwirtschaft weht und findet nach und nach heraus, wie nachteilig sich das freie Spiel der Kräfte auf die menschliche Psyche auswirken kann. Wir halten vom Basislager aus Funkkontakt, um ihr Mut zuzusprechen, wenn sie daran zweifelt, ob sich diese Expedition tatsächlich lohnt. Wir erwarten sie bald mit einem wahren Schatz an Managerschrumpfköpfen, einem bunten Strauß frisch gepflückter Büroneurosen und einer packenden Geschichte um Aufstieg und Fall der deutschen Großindustrie zurück. Pass auf dich auf, meine tapfere Amazone…

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